Cyber Food: Wenn das Essen zum Computer wird

Stell Dir vor, Du bekommst zum Nachtisch eine kleine japanische Süßigkeit serviert. Ihre Form, ihre Höhe und ihre Farbe sind kein Zufall, sondern zeigen Dir das Wetter von heute: Windgeschwindigkeit, Luftdruck und Temperatur. Du isst also im wahrsten Sinne den Himmel über der Stadt.
Was wie eine Spielerei aus einem Designstudio klingt, hat einen ernsten Hintergrund. Forschende nennen solche Ideen Cyber Food, also Essen, das nicht nur satt macht, sondern selbst eine digitale Funktion übernimmt. Den Begriff haben Jialin Deng, Patrick Olivier und Florian Mueller 2021 auf der CHI vorgeschlagen, einer der wichtigsten Konferenzen für Mensch-Computer-Interaktion.
In diesem Beitrag schauen wir uns in Ruhe an, was hinter Cyber Food steckt, welche vier Stufen die Forschenden unterscheiden, woran gerade gearbeitet wird und warum diese ungewöhnliche Idee überraschend gut zu dem passt, was wir mit essen-messen verfolgen.
Essen als technische Funktion
Technik und Essen zusammenzubringen ist nicht neu. Bisher lief das aber fast immer nach dem gleichen Muster: Die Technik wurde rund um die Mahlzeit aufgebaut, das Essen selbst blieb unverändert.
Typische Beispiele aus der Forschung sind ein Projektor, der eine Wiese auf den Teller wirft, während man ein Kräutergericht isst, oder ein Lautsprecher, der Meeresrauschen spielt, während es Fisch gibt. Auch Brillen für virtuelle Realität, Sensoren oder kleine Geräte, die im Besteck versteckt sind, gehören dazu. Das Ziel ist immer, das Essen zu einem Erlebnis zu machen.
Die Forschenden nennen das eine indirekte Verbindung. Essen und Technik bleiben zwei getrennte Dinge, die nur lose miteinander gekoppelt sind. Das Erlebnis hängt dabei vor allem am Gerät, nicht am Essen. Schalte den Projektor aus, und es bleibt ein ganz normaler Teller übrig.
Cyber Food dreht diesen Gedanken um und strebt eine direkte Verbindung an. Hier wird das Essen selbst zum digitalen Material.
Was Cyber Food genau bedeutet
Die Forschenden definieren Cyber Food als Essen, das eine digitale Funktion oder eine logische Operation ausführen kann, und bei dem sich diese Funktion in den physischen Eigenschaften des Essens zeigt, etwa in Form, Farbe oder Textur.
Dahinter steckt eine Idee, die in der Informatik schon länger bekannt ist, die sogenannten tangible bits, also begreifbare digitale Information. Der Grundgedanke: Daten müssen nicht hinter einem Bildschirm verborgen bleiben, sondern können in echten, anfassbaren Dingen sichtbar werden. Cyber Food treibt das auf die Spitze, indem es diese Information nicht nur anfassbar, sondern essbar macht.
Um die Vision zu ordnen, haben die Forschenden alle bisherigen Projekte in Gruppen einsortiert. Sie reichen von einfach bis sehr komplex und beschreiben, wie tief das Digitale ins Essen hineinwandert.
Vier Stufen, wie Essen digital werden kann
1. Representation, Essen zeigt Information
In der ersten Gruppe wird das Essen zum Träger von Information. Es zeigt also Daten an, ähnlich wie ein Diagramm, nur eben essbar.
- Digitale Gastronomie: Der Designer Amit Zoran hat Gerichte mit computergesteuerten Werkzeugen gestaltet, darunter eine von einem Roboterarm in 3D gedruckte Suppe. Der Reiz liegt in der Präzision. Geschmack, Textur, Temperatur und Form lassen sich exakt steuern, fast wie Regler an einem Mischpult. Die Forschenden sprechen von kulinarischen Variablen.
- Cyber Wagashi: Das eingangs beschriebene Beispiel. Traditionelle japanische Süßigkeiten werden per 3D-Druck so geformt, dass sie Wetterdaten abbilden. Drei Messwerte, nämlich Windgeschwindigkeit, Luftdruck und Temperatur, bestimmen Größe und Form, Höhe und Farbe. Das Ergebnis ist eine essbare Wetterkarte.
Der Sinn dahinter: Essen wird zum Medium. Diese Beispiele zeigen, dass ein Gericht Information sichtbar und greifbar machen kann, und zwar im Essen selbst statt auf einem Gerät daneben.
2. Transformation, Essen verändert seine Form
Die zweite Gruppe heißt Transformation, also Essen, das seine Gestalt über die Zeit verändert, meist als Reaktion auf einen äußeren Reiz wie Wasser oder Hitze.
Das bekannteste Beispiel ist das Projekt Transformative Appetite vom MIT. Dabei wird flache Pasta aus essbaren Filmen hergestellt, die sich erst beim Kochen in eine dreidimensionale Form aufrichtet. Der Reiz ist dabei nicht nur die Optik.
- Flach verpackt braucht solche Pasta deutlich weniger Platz, was Verpackung und Transport sparen könnte.
- Das Lebensmittel reagiert auf seine Umgebung, die Form entsteht also erst im Moment der Zubereitung.
Aus starren Lebensmitteln werden so Lebensmittel, deren Erlebnis sich über die Zeit verändert.
3. Electronization, Essen als essbare Elektronik
Die dritte Gruppe trägt den sperrigen Namen Electronization. Gemeint sind essbare elektronische Bauteile, also Elektronik, die wirklich aus Lebensmitteln besteht und im Körper verdaut werden kann.
Forschende haben daraus bereits kleine funktionierende Bauteile gebaut, darunter einen essbaren Energiespeicher, einen Sensor zur Messung des Säuregrads und sogar ein essbares Mikrofon.
Der Sinn dahinter wird im Vergleich zur Medizin deutlich. Schon heute gibt es schluckbare Mikrochips, etwa für Untersuchungen im Magen-Darm-Trakt. Diese bestehen aber aus klassischer Elektronik und werden wieder ausgeschieden, weil der Körper sie nicht verdauen kann. Essbare Elektronik könnte genau das ändern: Sensoren, die man schluckt, die Werte aus dem Körper liefern und sich danach einfach auflösen, ganz ohne Elektronikschrott im Körper.
4. Computation, Essen als Rechensystem
Die vierte und komplexeste Gruppe heißt Computation. Hier dient das Lebensmittel selbst, vor allem die Pflanze, als eine Art lebender Computer.
Der Gedanke dahinter ist einfach: Pflanzen nehmen ständig Reize aus ihrer Umgebung auf und reagieren darauf, etwa indem sie wachsen oder sich ausrichten. Genau diese natürliche Fähigkeit versuchen Forschende zu nutzen.
- In Experimenten lösten Basilikumwurzeln oder Tomatensamen einfache Aufgaben, etwa den Weg durch ein Labyrinth zu finden.
- Im Projekt Cyborg Botany werden lebende Pflanzen zu Sensoren, Antennen oder Anzeigen umfunktioniert, indem man ihre natürlichen Abläufe nutzt.
- Ein weiteres Konzept spekuliert sogar über Gemüse mit einstellbaren Eigenschaften wie Form, Geschmack oder Nährwert.
Der Sinn dahinter: die Rechenkraft der Natur nutzen, statt jedes Mal klassische Elektronik zu bauen. Das ist reine Grundlagenforschung und weit von der Praxis entfernt, zeigt aber, wie weit sich der Gedanke treiben lässt, Essen und Technik miteinander zu verschmelzen.
Was das mit essen-messen zu tun hat
Auf den ersten Blick liegt Cyber Food weit weg von dem, was wir mit essen-messen entwickeln. Wir bauen keine essbaren Chips und keine Pasta, die sich von selbst aufrichtet. Wir arbeiten mit echten Mahlzeiten im echten Alltag.
Auf den zweiten Blick gibt es aber einen klaren gemeinsamen Gedanken. In beiden Fällen geht es darum, Essen mit einer digitalen Ebene zu verbinden und so verständlicher zu machen.
Der Unterschied liegt nur darin, wo diese Ebene sitzt. Cyber Food legt sie direkt ins Lebensmittel. essen-messen legt sie um das echte Essen herum. Wenn Du eine Mahlzeit erfasst, verbindet die App sie mit Deinen Körperreaktionen, Deinem Schlaf, Deiner Aktivität und Deinem aktuellen Zustand. Aus einem simplen Gericht wird so eine Information, die Dir etwas über Dich verrät.
In diesem Sinne ist Cyber Food für uns weniger eine konkrete Technik als eine Denkschule. Sie erinnert daran, dass hinter jeder Mahlzeit viel mehr steckt als das, was man auf dem Teller sieht, und dass sich genau dieses Unsichtbare sichtbar machen lässt. Das ist der Kern dessen, woran wir jeden Tag arbeiten.