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    Warum reagiert jeder Mensch anders auf Essen?

    Warum reagiert jeder Mensch anders auf Essen?

    Zwei Kollegen, gleiche Kantine, gleiche Portion Pasta. Eine Person nimmt seit Jahren nicht zu. Die andere kämpft mit jedem Kilo. Der klassische Erklärungsversuch folgt sofort: „Ich habe einfach einen langsamen Stoffwechsel." Klingt plausibel. Ist aber meistens zu einfach gedacht.
    Die Wahrheit ist gleichzeitig nüchterner und interessanter. Die meisten Unterschiede zwischen Menschen lassen sich auf messbare, beeinflussbare Faktoren zurückführen. Echte biologische Variationen gibt es - aber die Diätindustrie hat ein starkes Interesse daran, beides zu verwischen.

    Was Stoffwechsel eigentlich bedeutet

    Stoffwechsel bezeichnet alle chemischen Prozesse, mit denen der Körper Nahrung in Energie umwandelt. Zwei Kennzahlen sind dabei zentral.
    Der Grundumsatz (Basal Metabolic Rate, BMR) ist die Energie, die der Körper in vollständiger Ruhe verbraucht: für Herzschlag, Atmung, Zellreparatur. Der Gesamtenergieumsatz (Total Daily Energy Expenditure, TDEE) addiert dazu alles, was durch Bewegung, Verdauung und Alltagsaktivitäten hinzukommt. Eine Stoffwechselanalyse misst in der Regel den Grundumsatz, oft über indirekte Kalorimetrie oder Schätzformeln wie Mifflin-St. Jeor oder Harris-Benedict.

    Die banalen Faktoren hinter den meisten Unterschieden

    Hier wird es unbequem für alle, die auf mysteriöse Gene hoffen. Muskelmasse ist der größte einzelne Faktor für den Grundumsatz. Ein Kilogramm Muskelmasse verbraucht in Ruhe etwa 13 Kilokalorien pro Tag mehr als ein Kilogramm Fettgewebe. Das klingt wenig, summiert sich aber bei 10 Kilogramm Unterschied in der Muskelmasse auf über 130 Kilokalorien täglich. Wer mehr Muskeln hat, verbraucht mehr Energie, auch im Schlaf.

    Dann ist da NEAT (Non-Exercise Activity Thermogenesis): all die unbewusste Bewegung des Alltags, also Treppensteigen, Herumzappeln, Gestikulieren beim Sprechen. James Levine von der Mayo Clinic zeigte 2004, dass NEAT zwischen zwei Menschen mit ähnlichem Körpergewicht um bis zu 2.000 Kilokalorien pro Tag variieren kann. Das ist kein kleiner Unterschied.
    Schlafmangel erhöht Cortisol und Ghrelin, das Hungerhormon, messbar. Chronischer Stress verändert die Fettverteilung und das Hunger-Sättigungs-Gefühl. Körpergröße und Körperzusammensetzung erklären den Rest. Diese Faktoren zusammen erklären den Großteil dessen, was Menschen als „unterschiedlichen Stoffwechsel" wahrnehmen. Kein Gen, kein Geheimnis.

    Wo individuelle Unterschiede wirklich zählen

    Das heißt nicht, dass alles gleich ist. Zwei Bereiche, in denen die Wissenschaft echte Variationen zwischen Menschen belegt, verdienen Aufmerksamkeit.

    Insulinsensitivität beschreibt, wie gut Körperzellen auf das Hormon Insulin ansprechen. Wer insulinsensitiv ist, verarbeitet Kohlenhydrate effizient. Wer Insulinresistenz entwickelt, hat dauerhaft erhöhte Blutzucker- und Insulinspiegel, was die Fettspeicherung begünstigt. Diese Varianz ist real und hat direkte Konsequenzen für die Frage, wie viele Kohlenhydrate jemand verträgt. Sie entsteht aber nicht zufällig: Bewegungsmangel, Übergewicht und Schlafmangel treiben Insulinresistenz voran.

    Das Mikrobiom ist der zweite Bereich mit solider wissenschaftlicher Substanz. David Zeevi und Eran Segal vom Weizmann Institute of Science veröffentlichten 2015 in Cell eine Studie mit 800 Teilnehmern. Identische Mahlzeiten lösten bei verschiedenen Personen völlig unterschiedliche Blutzuckerreaktionen aus, und das Mikrobiom war ein wesentlicher Erklärungsfaktor. Personalisierte Ernährungsvorhersagen auf Basis des Mikrobioms übertrafen Standardempfehlungen. Die Befunde wurden seitdem mehrfach repliziert.

    Diese beiden Faktoren sind der Teil, wo individuelle Biologie tatsächlich eine Rolle spielt. Sie rechtfertigen aber keine pauschale Aussage wie „mein Körper funktioniert einfach anders".

    Der Mythos vom schnellen und langsamen Stoffwechsel

    Die tatsächliche Bandbreite des Grundumsatzes zwischen zwei gleichaltrigen, gleich großen Menschen mit ähnlicher Körperzusammensetzung ist überraschend schmal. Studien zeigen Unterschiede von etwa 200 bis 300 Kilokalorien täglich, was einem kleinen Snack entspricht.

    Warum hält sich der Mythos trotzdem so hartnäckig? Weil er sich gut verkauft. Wer glaubt, sein Stoffwechsel sei genetisch benachteiligt, kauft Nahrungsergänzungsmittel, teure Stoffwechsel-Kuren und Detox-Programme. Die Diätindustrie profitiert von der Überzeugung, dass der Körper ein unberechenbares System ist, das externe Hilfe braucht. Das ist keine Schuldzuweisung an Menschen, die das glauben. Die Botschaft ist überall. Aber wer Stoffwechsel verstehen will, kommt nicht darum herum, diesen Mythos zu hinterfragen.

    Den eigenen Stoffwechsel messbar machen

    Was lässt sich ohne Labor realistisch herausfinden? Einiges.

    Ein strukturiertes Ernährungstagebuch, geführt über mindestens zwei Wochen, deckt Muster auf, die sonst unsichtbar bleiben. Tracking-Apps liefern brauchbare Daten, solange man ehrlich einträgt. Wearables wie Garmin oder Apple Watch messen Herzfrequenz, Schlafqualität und Aktivitätsniveau, alles Faktoren, die den Gesamtenergieumsatz beeinflussen. Kontinuierliche Glukosemonitore (CGMs) wie Freestyle Libre ermöglichen es, die eigene Blutzuckerreaktion auf verschiedene Mahlzeiten zu beobachten, ohne Arztbesuch.

    Was kein App-basierter Test leisten kann, ist eine klinisch valide Messung des Grundumsatzes. Formeln wie Mifflin-St. Jeor sind Schätzungen mit Fehlermargen. Wer wirklich präzise Daten will, braucht eine indirekte Kalorimetrie in einem medizinischen Umfeld.

    Wer tiefer einsteigen möchte, findet im Blog von Essen Messen weitere wissenschaftlich fundierte Artikel zu diesen Themen. Für einen praktischen Einstieg lohnt sich ein Blick auf die Rezepte, die auf Basis metabolischer Überlegungen zusammengestellt wurden.

    Individuell, aber nicht unbegreiflich

    Echte individuelle Unterschiede existieren. Insulinsensitivität und Mikrobiom sind keine Marketing-Erfindungen. Aber sie erklären einen kleineren Teil der Varianz zwischen Menschen, als die meisten annehmen.

    Der größere Teil erklärt sich durch Muskelmasse, Bewegungsgewohnheiten, Schlaf und Stress, also Faktoren, die messbar und veränderbar sind. Wer seinen Stoffwechsel wirklich verstehen will, sollte anfangen zu messen statt zu spekulieren. Nicht weil das einfach ist, sondern weil Daten ehrlicher sind als Vermutungen.

    Referenzen

    1. [1]Personalized Nutrition by Prediction of Glycemic Responses
    2. [2]Nonexercise activity thermogenesis (NEAT)
    3. [3]A new predictive equation for resting energy expenditure in healthy individuals
    4. [4]A Biometric Study of Human Basal Metabolism
    5. [5]Diet-induced alterations in gut microflora contribute to lethal pulmonary damage in TLR2/TLR4-deficient mice

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    Paul Beier

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