Synästhesie: Kann man Wörter schmecken?

Stell Dir vor, jemand liest eine Speisekarte laut vor. Noch bevor das erste Gericht auf dem Tisch steht, breitet sich in Deinem Mund ein deutlicher Geschmack aus. Kein vages Gedankenbild, sondern ein fast echter Geschmack, ausgelöst allein durch ein gesprochenes Wort. Für die meisten Menschen klingt das nach Einbildung. Für einige wenige ist es Alltag.
Dieses Phänomen heißt Synästhesie. Im Newsletter haben wir es kurz vorgestellt. Hier schauen wir uns in Ruhe an, was wirklich dahintersteckt, warum Forschende so sicher sind, dass der Effekt echt ist, was im Gehirn passiert und was das alles mit personalisierter Ernährung zu tun hat. Vorweg eine wichtige Einordnung. Synästhesie ist wissenschaftlich gut beschrieben, aber die Forschung dazu besteht überwiegend aus Einzelfällen und kleinen Studien. Man kann also gut sagen, dass es das Phänomen gibt. Man kann aber noch nicht sagen, welche Folgen es für Ernährung, Gewicht oder Gesundheit hat.
Was Synästhesie ist und was nicht
Synästhesie bedeutet, dass ein Reiz automatisch eine zusätzliche Wahrnehmung auslöst, obwohl in dieser zweiten Sinnesrichtung gar kein äußerer Reiz vorhanden ist. Ein Wort oder ein Laut ist der Auslöser, eine Farbe oder ein Geschmack die zusätzliche Erfahrung. Entscheidend ist ein Merkmal, die Konsistenz. Bei echter Synästhesie löst derselbe Reiz immer wieder dieselbe Empfindung aus, oft über viele Jahre.
So selten, wie viele denken, ist das gar nicht. Die wichtigste Bevölkerungsstudie von Simner und Kollegen aus dem Jahr 2006 schätzt, dass etwa 4,4 Prozent der Menschen irgendeine Form von Synästhesie haben. Die am besten untersuchte Form, bei der Buchstaben oder Zahlen feste Farben tragen, kommt bei rund 1 Prozent vor. Eine starke Häufung bei einem Geschlecht fand die Studie nicht.
Wichtig ist eine Abgrenzung, gerade beim Essen. Viele von uns kennen Zuordnungen wie süß passt zu rosa oder hohe Töne wirken eher süß. Solche breit geteilten Verknüpfungen heißen in der Forschung crossmodal correspondences, also sinnesübergreifende Entsprechungen. Sie sind weit verbreitet, harmlos und nicht dasselbe wie Synästhesie. Synästhesie ist die deutlich stärkere, automatische und sehr individuelle Variante.
Geschmack ist nicht gleich Flavor
Bevor es weitergeht, lohnt sich ein kurzer Begriff. Im Alltag sagen wir Geschmack und meinen damit oft alles. Fachlich ist Geschmack im engeren Sinn aber nur das, was die Zunge erkennt, also süß, sauer, salzig, bitter und umami. Der Gesamteindruck beim Essen heißt Flavor. Er umfasst neben dem Zungengeschmack auch das Riechen über den Rachen, die Textur, die Temperatur und weitere Sinnesbeiträge.
Diese Unterscheidung ist hier wichtig, denn bei der für Ernährung spannendsten Form der Synästhesie geht es selten nur um einen reinen Grundgeschmack. Oft entsteht ein ganzer Flavor-Eindruck.
Wenn Wörter Geschmack auslösen
Die für uns interessanteste Form trägt den sperrigen Namen lexikalisch-gustatorische Synästhesie. Übersetzt heißt das, Wörter lösen Geschmack aus. Beim Hören, Lesen, Sprechen oder bloßen Denken von Wörtern entstehen Geschmacks- oder Flavor-Eindrücke, ohne dass etwas gegessen wurde.
Diese Form ist sehr selten. In der Literatur wird sie meist mit unter 0,2 Prozent der Bevölkerung angegeben, und selbst diese Zahl ist eher eine Schätzung als ein präziser Wert. Die zusätzliche Wahrnehmung ist dabei nicht immer nur ein einfaches süß oder bitter. Sie kann ein komplexer Eindruck sein, mit Geruch, Textur, Temperatur oder einem körperlichen Gefühl im Mund.
Auch die Art des Erlebens ist unterschiedlich. Manche Betroffene beschreiben einen mundnahen, fast echten Geschmack. Andere erleben eher eine sofort auftauchende, aufdringliche Geschmacks-Idee im Kopf. In der Forschung spricht man von projector und associator, also grob von außen erlebt gegenüber innerlich assoziiert.
Spannend ist außerdem, dass nicht jedes Wort gleich wirkt. Eine Untersuchung von Ward, Simner und Auyeung aus dem Jahr 2005 zeigte, dass manche Wörter gar keinen Geschmack auslösen. Eine Rolle spielen unter anderem:
- wie häufig ein Wort im Alltag vorkommt
- ob es überhaupt ein echtes Wort oder nur ein Lautgebilde ist
- wie das Wort klingt, denn ähnlich klingende Wörter lösen oft ähnliche Geschmäcker aus
Neben dieser Wortform gibt es noch seltenere Varianten. Bei manchen Menschen können auch nichtsprachliche Geräusche Geschmack oder Geruch anstoßen. In Einzelfällen ist die Verbindung sogar wechselseitig, dann können umgekehrt Geschmäcker bestimmte Wörter aktivieren.
Die Mahlzeit beginnt im Kopf
Die vielleicht wichtigste ernährungsbezogene Erkenntnis ist, dass die sensorische Mahlzeit für Betroffene schon vor dem ersten Bissen anfangen kann. Wörter auf einer Speisekarte, Markennamen, ein Gespräch am Tisch, eine bestimmte Stimme oder die eigene innere Sprache können Geschmackserlebnisse auslösen, lange bevor Essen auf dem Teller liegt.
Dass es sich dabei nicht um Fantasie handelt, lässt sich objektiv prüfen. Betroffene werden wiederholt zu denselben Wort-Geschmacks-Zuordnungen befragt, oft mit großem zeitlichem Abstand. Echte Synästhetiker sind dabei deutlich konsistenter als Kontrollpersonen. In einem dokumentierten Fall blieb die Zuordnung über 27 Jahre stabil.
Woher kommen diese Verknüpfungen? Vieles spricht dafür, dass sie eng mit der Sprachentwicklung zusammenhängen. Ward und Simner schlossen 2003 aus einem Fall, dass die Verbindungen wahrscheinlich in der Zeit des Wortschatzerwerbs in der Kindheit entstehen. Spätere Arbeiten berichteten zusätzlich, dass viele Wort-Geschmacks-Verknüpfungen mit Personen oder Erlebnissen aus der Kindheit verbunden sind.
Ein weiterer Befund ist für den Alltag wichtig. Eine Untersuchung von Ward und Kollegen aus dem Jahr 2017 fand bei Synästhetikern häufiger eine erhöhte sensorische Empfindlichkeit. Das könnte reizintensive Esssituationen anstrengender machen. Es erklärt aber nicht automatisch ein bestimmtes Essmuster und ist auch keine Essstörung.
Was im Gehirn passiert
Synästhesie ist keine Marotte, sondern eine Wahrnehmungsvariante mit biologischen Grundlagen. Die Forschung zeichnet ein zunehmend klares, wenn auch noch lückenhaftes Bild:
- Genetik. Eine Genom-Untersuchung von Asher und Kollegen aus dem Jahr 2009 fand Hinweise darauf, dass mehrere genetische Faktoren beteiligt sind, nicht ein einzelnes Synästhesie-Gen.
- Entwicklung. Simner und Kollegen fanden 2009 erste Marker bereits bei Kindern im Alter von 6 bis 7 Jahren und zeigten, dass sich die festen Zuordnungen erst nach und nach stabilisieren.
- Gehirnaufbau. Eine bekannte Arbeit von Rouw und Scholte aus dem Jahr 2007 beschrieb eine stärkere strukturelle Vernetzung bei Menschen mit Buchstaben-Farben-Synästhesie.
Bei aller Faszination ist hier aber Vorsicht angebracht. Die umfangreichste methodenkritische Übersicht von Hupé und Dojat aus dem Jahr 2015 weist darauf hin, dass die Bildgebungsbefunde insgesamt uneinheitlich sind. Es gibt keine einzelne Hirnregion, die sich sauber über alle Studien hinweg bestätigen lässt. Speziell für die Geschmacksformen ist die Datenlage besonders dünn. Eine kleine Bildgebungsstudie von Jones und Kollegen aus dem Jahr 2011 fand bei zwei seltenen Fällen Hinweise auf eine Beteiligung der vorderen Inselrinde, eines Areals, das eng mit der Geschmacksverarbeitung verbunden ist. Wegen der winzigen Stichprobe sollte man daraus aber keine großen Verallgemeinerungen ableiten. Insgesamt scheint eher ein ganzes Netzwerk aus Hirnarealen beteiligt zu sein als ein einzelnes Zentrum.
Farben, Töne und Geschmack: die alltägliche Variante
Auch wenn echte Synästhesie selten ist, betrifft ihr Grundprinzip uns alle. Flavor ist von Natur aus multisensorisch. Farbe, Form, Geräusch, Erwartung und Kontext wirken am Esserlebnis mit.
Dafür gibt es solide Belege. In der Allgemeinbevölkerung gibt es zuverlässige Farb-Geschmacks-Zuordnungen. Übersichtsarbeiten von Spence und Kollegen zeigen, dass Menschen bestimmte Farben systematisch mit süß, sauer, bitter oder salzig verbinden. Das gilt nicht nur für Wörter, sondern auch dann, wenn echte Geschmacksproben im Spiel sind.
Ähnliches gilt für Töne. Simner und Kollegen zeigten 2010 systematische Zuordnungen zwischen Hören und Schmecken. Knöferle und Spence fassten 2012 zusammen, dass Menschen Geschmäcker recht zuverlässig mit akustischen Eigenschaften wie Tonhöhe und Klangfarbe koppeln.
Der Unterschied zur Synästhesie ist graduell. Bei den meisten Menschen sind das geteilte, eher schwache Tendenzen. Bei Synästhetikern ist der Effekt automatisch, stark und sehr persönlich.
Was das für personalisierte Ernährung und essen-messen bedeutet
Synästhesie ist gewissermaßen die maximale Ausprägung neuronaler Prägung. In abgeschwächter Form schlummert sie in jedem von uns. Genau das macht sie so spannend, denn sie zeigt überdeutlich, wie eng Sprache, Sinne und Wahrnehmung miteinander verschaltet sind.
Daraus folgt ein größerer Gedanke. Die Verbindung zwischen Essen, Stoffwechsel und Gehirn ist bidirektional. Das bedeutet nicht nur, dass das Auge mitisst und wir unseren Geschmack über Kontext und Sprache positiv beeinflussen können. Es bedeutet auch, dass wir über das, was wir essen, auf einer bislang noch wenig verstandenen Ebene auf unser Nervensystem einwirken. In Zukunft könnte sich daraus die Möglichkeit ergeben, Dinge wie psychische Resilienz gezielt über die Ernährung mitzugestalten.
Und hier schließt sich der Kreis. Wenn die Wirkung der Nahrung auf das zentrale Nervensystem individuell ist, dann braucht es individuelle Ansätze, um sie zu verstehen und zu nutzen. Genau das ist der Gedanke hinter MyMolecules, also nicht zu fragen, was im Schnitt wirkt, sondern was bei Dir wirkt.
Referenzen
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- [2]The MULTISENSE Test of Lexical-Gustatory Synaesthesia: An automated online diagnostic
- [3]Lexical-gustatory synaesthesia: linguistic and conceptual factors
- [4]A comparison of lexical-gustatory and grapheme-colour synaesthesia
- [5]A taste for words and sounds: a case of lexical-gustatory and sound-gustatory synesthesia
- [6]Bidirectional lexical-gustatory synesthesia
- [7]Synaesthetic consistency spans decades in a lexical-gustatory synaesthete
- [8]Atypical sensory sensitivity as a shared feature between synaesthesia and autism
- [9]A whole-genome scan and fine-mapping linkage study of auditory-visual synesthesia
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- [11]Increased structural connectivity in grapheme-color synesthesia
- [12]A critical review of the neuroimaging literature on synesthesia
- [13]The neural basis of illusory gustatory sensations: Two rare cases of lexical-gustatory synaesthesia
- [14]Brain areas involved in synaesthesia: a review
- [15]On tasty colours and colourful tastes? Assessing, explaining, and utilizing crossmodal correspondences between colours and basic tastes
- [16]Explaining Crossmodal Correspondences Between Colours and Tastes
- [17]What sound does that taste? Cross-modal mappings across gustation and audition
- [18]Crossmodal correspondences between sounds and tastes
- [19]Multisensory flavor perception