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Kann Ernährung beeinflussen, wie gut eine Krebstherapie wirkt?

Von Paul Beier, M.Sc. · Aktualisiert am 19. September 2026
Fachlich geprüft: Prof. Dr. med. Christian Sina
Kann Ernährung beeinflussen, wie gut eine Krebstherapie wirkt?

Eine Krebsdiagnose verändert vieles. Neben Untersuchungen, Therapieentscheidungen und der Frage, wie es weitergeht, beschäftigen sich viele Betroffene irgendwann auch mit ihrer Ernährung.

Kann ich selbst etwas tun? Spielt das, was ich esse, eine Rolle für die Behandlung?

Dabei ist eine Grenze wichtig: Ernährung kann eine Krebstherapie nicht ersetzen.

Trotzdem gibt es inzwischen eine spannende Forschungsfrage. Bei bestimmten modernen Immuntherapien könnte auch das Darmmikrobiom, also die Gemeinschaft der Mikroorganismen in unserem Darm, damit zusammenhängen, wie gut eine Behandlung wirkt.

Und weil unsere Ernährung dieses Mikrobiom beeinflussen kann, rückt auch das Essen stärker in den Fokus.

Wie funktioniert eine Immuntherapie?

Unser Immunsystem kann Krebszellen grundsätzlich erkennen und angreifen. Gleichzeitig besitzt es natürliche Kontrollmechanismen, damit Immunzellen nicht ungebremst aktiv werden und gesundes Gewebe schädigen.

Einige Tumoren schaffen es, diese Kontrollmechanismen für sich zu nutzen. Dadurch können sie den Angriff des Immunsystems teilweise abschwächen.

Hier setzen sogenannte Immun-Checkpoint-Inhibitoren an. Das sind Medikamente, die bestimmte bremsende Signale blockieren. Dadurch können Immunzellen den Tumor wieder besser angreifen.

Diese Behandlungen haben die Therapie verschiedener Krebsarten stark verändert. Allerdings wirken sie nicht bei allen Menschen gleich gut.

Und genau hier wird das Darmmikrobiom interessant.

Was hat der Darm mit einer Krebstherapie zu tun?

In unserem Darm leben Billionen Mikroorganismen. Sie helfen nicht nur bei der Verdauung, sondern produzieren auch Stoffe, die mit unserem Immunsystem interagieren.

Mehrere Studien zeigen, dass sich das Darmmikrobiom von Menschen, die gut auf bestimmte Immuntherapien reagieren, teilweise von dem anderer Patienten unterscheidet.

Dabei gibt es nicht das eine „gute“ Bakterium.

Wahrscheinlicher ist ein komplexes Zusammenspiel vieler Mikroorganismen, ihrer Stoffwechselprodukte und des Immunsystems.

Und dieses Zusammenspiel wird unter anderem durch unsere Ernährung beeinflusst.

Besonders interessant: Ballaststoffe

Eine der bekanntesten Studien untersuchte Menschen mit Melanom, die eine Immuntherapie erhielten.

Bei 128 Teilnehmenden lagen auch Ernährungsdaten vor. Menschen mit einer höheren Ballaststoffaufnahme hatten im Durchschnitt bessere Therapieergebnisse.

In der statistischen Auswertung waren jeweils fünf Gramm mehr Ballaststoffe pro Tag mit einem ungefähr 30 Prozent geringeren Risiko für ein Fortschreiten der Erkrankung oder Tod verbunden.

Das klingt zunächst beeindruckend.

Es war aber eine Beobachtungsstudie. Das bedeutet: Die Forschenden konnten einen Zusammenhang sehen, aber nicht beweisen, dass die Ballaststoffe selbst die Ursache waren.

Menschen, die viele ballaststoffreiche Lebensmittel essen, unterscheiden sich möglicherweise auch in anderen Punkten von Menschen mit einer geringeren Aufnahme.

Ähnliche Zusammenhänge wurden auch für eine stärker mediterran geprägte Ernährung beobachtet.

Was passiert, wenn man die Ernährung gezielt verändert?

Noch interessanter sind deshalb Studien, in denen die Ernährung tatsächlich vorgegeben wird.

In der sogenannten DIET-Studie wurden Menschen mit Melanom zufällig einer sehr ballaststoffreichen Ernährung oder einer Kontrollernährung zugeteilt.

In einer kleinen Untergruppe mit 24 Teilnehmenden lag die Ansprechrate auf die Immuntherapie bei 77 Prozent in der ballaststoffreichen Gruppe und 29 Prozent in der Kontrollgruppe.

Das ist ein auffälliger Unterschied.

Allerdings war die Studie klein und der Therapieerfolg wurde nur ergänzend untersucht. Deshalb reicht das Ergebnis noch nicht aus, um zu sagen:

Viele Ballaststoffe machen eine Immuntherapie wirksamer.

Die Studie zeigt vielmehr, dass sich diese Frage inzwischen gezielt untersuchen lässt und größere Studien sinnvoll sind.

Kann man das Darmmikrobiom direkt beeinflussen?

Noch ungewöhnlicher sind Studien, in denen Forschende versucht haben, das Darmmikrobiom direkt zu verändern.

Dafür wurde bei kleinen Patientengruppen Darmmikrobiota von Spendern übertragen.

In einer Studie mit 15 Menschen mit Melanom, bei denen eine Immuntherapie zuvor nicht mehr ausreichend gewirkt hatte, zeigte sich anschließend bei 6 Patienten ein klinischer Nutzen, nachdem die Therapie erneut gegeben wurde.

Auch andere kleine Untersuchungen lieferten ähnliche Hinweise.

Diese Verfahren sind experimentell und keine etablierte Krebstherapie.

Sie sind vor allem deshalb interessant, weil sie darauf hindeuten, dass das Darmmikrobiom möglicherweise mehr ist als nur ein Begleitmerkmal.

Sollte man während einer Immuntherapie besonders viele Ballaststoffe essen?

So einfach ist es nicht.

Die bisher stärksten Daten stammen vor allem von Menschen mit Melanom unter Immuntherapie. Sie lassen sich nicht automatisch auf Chemotherapie, Bestrahlung oder andere Krebsbehandlungen übertragen.

Auch die sehr hohe Ballaststoffmenge aus der DIET-Studie war eine kontrollierte Studienintervention und keine allgemeine Empfehlung.

Gerade während einer Krebstherapie können Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Durchfall oder andere Beschwerden die Ernährung stark verändern.

Was für eine Person sinnvoll ist, kann deshalb für eine andere ungeeignet sein.

Eine spezielle „Immuntherapie-Diät“ gibt es derzeit nicht.

Und was ist mit Probiotika?

Wenn das Darmmikrobiom eine Rolle spielen könnte, klingt die Idee zunächst logisch: Warum nicht einfach Probiotika einnehmen?

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, meist bestimmte Bakterien oder Hefen, die gezielt aufgenommen werden. Sie kommen zum Beispiel in Nahrungsergänzungsmitteln und bestimmten Lebensmitteln zum Einsatz und sollen das Darmmikrobiom beeinflussen.

Auch das ist bisher nicht ausreichend geklärt.

In der Spencer-Studie zeigte die Einnahme handelsüblicher Probiotika beim Menschen keinen klaren Vorteil für das Therapieansprechen.

Das zeigt ein grundsätzliches Problem:

Das Darmmikrobiom ist kein einzelner Schalter, den man einfach auf „gesund“ stellen kann. Es ist ein komplexes Ökosystem, das sich von Mensch zu Mensch unterscheidet.

Was wir bisher wirklich wissen

Die Forschung zeichnet inzwischen ein interessantes Bild:

  • Das Darmmikrobiom hängt mit dem Ansprechen auf bestimmte Immuntherapien zusammen. - Ernährung kann das Darmmikrobiom verändern. - Besonders für ballaststoffreiche und mediterran geprägte Ernährung gibt es erste Hinweise auf Zusammenhänge mit besseren Therapieergebnissen. - Für konkrete Ernährungsempfehlungen während einer Immuntherapie reicht die Evidenz aber noch nicht aus.

Die entscheidende Frage für die kommenden Jahre wird deshalb sein:

Welche Ernährungsfaktoren sind tatsächlich wichtig, bei welchen Menschen und in welcher Behandlungssituation?

Was das mit essen-messen zu tun hat

Dieses Thema zeigt besonders gut, warum Ernährung nicht bei jedem Menschen exakt dasselbe bewirken muss.

Was wir essen, trifft im Darm auf ein individuelles Mikrobiom. Daraus können unterschiedliche Stoffwechselprodukte entstehen, die wiederum mit unserem Körper und unserem Immunsystem interagieren.

Das bedeutet nicht, dass essen-messen heute vorhersagen könnte, wie jemand auf eine Immuntherapie reagiert.

Der Zusammenhang zeigt aber ein Grundprinzip personalisierter Ernährung sehr anschaulich:

Es zählt nicht nur, was in einem Lebensmittel steckt, sondern auch, was der individuelle Körper daraus macht.

Genau deshalb betrachten wir bei essen-messen Ernährung gemeinsam mit persönlichen Reaktionen und Körperdaten.

Fazit

Kann Ernährung beeinflussen, wie gut eine Krebstherapie wirkt?

Für Krebstherapien allgemein können wir das derzeit nicht sagen.

Bei bestimmten Immuntherapien, insbesondere beim Melanom, gibt es jedoch zunehmend Hinweise darauf, dass Ernährung, Darmmikrobiom und Therapieansprechen miteinander verbunden sein könnten.

Beobachtungsstudien zeigen Zusammenhänge mit Ballaststoffen und mediterraner Ernährung. Eine erste kleine randomisierte Ernährungsstudie liefert ein zusätzliches Signal. Auch experimentelle Veränderungen des Darmmikrobioms werden inzwischen untersucht.

Für eine spezielle „Immuntherapie-Diät“ reicht die Evidenz noch nicht aus.

Die Forschung zeigt aber, wie eng Ernährung, Darm und Immunsystem miteinander verbunden sind und wie viel wir über diese Zusammenhänge noch lernen können.

Häufige Fragen

Kann Ernährung eine Krebstherapie wirksamer machen?

Für Krebstherapien allgemein ist das nicht belegt. Bei bestimmten Immuntherapien gibt es erste Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Ernährung, Darmmikrobiom und Therapieansprechen.

Welche Rolle spielen Ballaststoffe?

Eine höhere Ballaststoffaufnahme war in mehreren Untersuchungen mit besseren Therapieergebnissen verbunden. Eine kleine randomisierte Studie liefert ebenfalls ein positives Signal. Für eine konkrete therapeutische Empfehlung reicht das bisher nicht aus.

Welche Krebsart wurde bisher besonders untersucht?

Ein großer Teil der bisherigen Forschung stammt von Menschen mit Melanom. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht automatisch auf andere Krebsarten übertragen.

Sollte man während einer Immuntherapie Probiotika einnehmen?

Dafür gibt es derzeit keine allgemeine wissenschaftlich abgesicherte Empfehlung.

Was ist eine fäkale Mikrobiota-Transplantation?

Dabei werden Darmmikroorganismen eines Spenders übertragen. In der Krebsimmuntherapie wird dieses Verfahren derzeit experimentell untersucht und gehört nicht zur etablierten Standardbehandlung.

Referenzen

  1. [1]National Cancer Institute: Immune Checkpoint Inhibitors
  2. [2]Spencer C.N. et al. (2021): Dietary fiber and probiotics influence the gut microbiome and melanoma immunotherapy response. Science.
  3. [3]Bolte L.A. et al. (2023): Association of a Mediterranean Diet With Outcomes for Patients Treated With Immune Checkpoint Blockade for Advanced Melanoma. JAMA Oncology.
  4. [4]Qiu Y. et al. (2025): Clinical outcomes of the DIET study: A randomized controlled phase 2 trial of a high fiber diet intervention in patients with melanoma receiving immune checkpoint blockade. Journal of Clinical Oncology, ASCO Meeting Abstract.
  5. [5]Davar D. et al. (2021): Fecal microbiota transplant overcomes resistance to anti-PD-1 therapy in melanoma patients. Science.
  6. [6]Baruch E.N. et al. (2021): Fecal microbiota transplant promotes response in immunotherapy-refractory melanoma patients. Science.

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